Der Begriff Politikverdrossenheit, auch Politikverdruss oder Politikmüdigkeit, bezeichnet zwei verschiedene Arten negativer Einstellungen von Bürgern eines Staates:
Politische Passivität und politisches Desinteresse können Folge negativer Erlebnisse im Zusammenhang mit politischen Verhältnissen und Vorgängen, aber auch Ausdruck allgemeiner Zufriedenheit sein.[2] Insofern sind Desinteresse und fehlende Beteiligung im politischen Prozess nicht unbedingt Ausdruck einer Missstimmung, eines „Verdrusses“ an „der Politik“. Umgekehrt ist politisches Engagement auch dann, wenn man eine umfassende politische Teilhabe möglichst aller für ideal hält, nicht per se positiv zu bewerten, insbesondere dann nicht, wenn diesem Engagement rein destruktive, demokratiefeindliche Motive zugrunde liegen. Michael Eilfort meint sogar, dass „die Mobilisierung politisch uninteressierter, uninformierter und unreflektierter Nichtwähler […] einen Unsicherheitsfaktor ins Spiel [bringe] und […] Indiz für eine gefährliche Emotionalisierung“ sei[3], dass es also besser sei, wenn sich die entsprechend Charakterisierten vom politischen Prozess fernhielten.
Unter Berücksichtigung der Parameter Zufriedenheit vs. Unzufriedenheit, Nähe vs. Distanz zur Politik und Partizipationsbereitschaft unterscheiden die Psychologen Janas und Preiser vier Typen:
Zur vierten Gruppen gehören auch Anhänger von Oppositionsparteien, die mit der aktuellen Regierungspolitik zwar unzufrieden und ihrer „überdrüssig“, aber zuversichtlich sind, einen Wandel durch einen Regierungswechsel herbeiführen zu können.
Im „Digital-Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS)“ der „Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften“ wird eine starke Konnotation der Begriffe „Verdrossenheit“ in Richtung der Begriffe „Apathie“ und vor allem „Resignation“ nachgewiesen (in dem Sinne, dass diese Begriffe in Texten besonders häufig im selben Kontext gemeinsam vorkommen)[4]. Nach dieser Analyse sind „Revolutionäre“ und „Funktionäre“ wegen ihres Engagements streng genommen nicht „verdrossen“. Dem „Apathischen“ wiederum mangelt es an „Verdruss“ im Sinne von „Ärger“ (sich nicht zu ärgern ist ein Wesensmerkmal der Apathie). Allerdings wird in einigen Quellen bloßes Passivbleiben (vor allem im Sinne von Nichtwählen) als „Apathie“ bezeichnet.
Der Politikwissenschaftler Ernst Fraenkel beklagte bereits 1966 die „Parlamentsverdrossenheit“, die sich anlässlich der Bundestagswahl 1965 gezeigt habe.[5] Der Vorwurf, Parlamente seien ineffektive „Schwatzbuden“, die dem „Willen des Volkes“ nicht Geltung verschafften, wurde in Deutschland bereits vor 1933 erhoben.
Obwohl die mit „Politikverdrossenheit“ erklärten Erscheinungen (mangelnde Beobachtung und/oder Ablehnung des Politikbetriebs) auch vor Fraenkels Analyse bekannt waren, tauchte der Begriff Ende der 1980er Jahre das erste Mal in der bundesdeutschen Debatte auf.[6] Die Gesellschaft für deutsche Sprache erklärte es 1992 zum Wort des Jahres und zwei Jahre später fand es Eingang in den Duden. Daneben sind auch verwandte Begriffe wie „Staats-“, „Politiker-“ oder „Parteienverdrossenheit“ entstanden.